
Das
Wiener MUMOK widmet der US-amerikanischen
Fotokünstlerin Zoe Leonard noch bis zum 21. Februar 2010 eine erste Retrospektive in Österreich. Die mit
Fotografien und
Installationen arbeitende Autodidaktin ist in Europa spätestens seit ihrer ersten Teilnahme an der documenta 9 (1992), als sie sämtliche Landschaften und Männerbilder aus der Sammlung Alter Meister in der
Neuen Galerie (Kassel) entfernte und durch Close-Ups von weiblichen Genitalien ersetzte, als eine unsere Gesellschaft kritisch hinterfragende
Künstlerin bekannt. In dieser Ausstellung beleuchten die seit Ende der 1970er entstandenen
Fotos die Interessensfelder
Leonards, während ihre installativen Arbeiten, wie der Titel bereits anzeigt, nicht aufgenommen wurden.
Das Werk der amerikanischen
Fotografin wird, wie sie nicht müde wird in Interviews zu erzählen, von ihrem unbändigen Wunsch ausgelöst, unsere Kultur und unsere Gesellschaft zu analysieren und zu verstehen. Sie ist geprägt von einschneidenden gesellschaftspolitischen Fragen und Ereignissen wie der sozialen Rolle der Frau, dem Auftreten von AIDS, dem Konsum und den Folgen der Globalisierung. Sie empfindet die
Fotografie als geeignetes Medium, um das, was ihr an gesellschaftlicher Konvention, aber auch Veränderung auffällt, festzuhalten.
Fotografie ist, bei aller Skepsis der Künstlerin gegenüber diesem Medium, hier Dokumentation, oder besser Hinweis auf allzu leicht Übersehenes, bald Vergangenes und ihrer Ansicht nach Erinnerungswürdiges.
„Ich möchte genau hinsehen, etwas nahe bringen.“ Oder: „Was mich an der
Fotografie anzieht, ist nicht so sehr der
Kunst-Zugang, sondern eher Fotografien als Dokumente. Nicht nur Journalismus, sondern auch die anderen Rollen, die
Fotografie außerhalb des
Kunstkontext gespielt hat: Luftaufklärungsfotografie, Fotografie in Wissenschaft und Medizin, als Familienschnappschüsse. All die Arten, in denen Menschen die Welt dokumentiert haben, um sie zu ordnen, um sie zu konsumieren oder zu beherrschen, oder sie auf irgendeine Art festzuhalten.“
Zoe Leonards Atelierpraxis entwickelt sich im Spannungsfeld zwischen der Geschichte und den traditionellen Funktionen der
Fotografie, alter Handwerkstechnik (Sie entwickelt alle ihre Aufnahmen als Silbergelatineabzüge selbst!) sowie ihrem Blick auf Welt und Gesellschaft, auf Natur und Kultur. Daher reihen sich in der
MUMOK-Ausstellung unterschiedliche
Sujets in intimen Formaten aneinander, die auf dem ersten Blick wenig miteinander zu tun zu haben scheinen und dann doch die genaue Beobachterin
Zoe Leonard „verkörpern“: Bäume (Abb. 5) und Models (Abb. 3) finden sich in der Analogie des „Zurichtens“, das sich auch im musealen Display von skurril-unheimlichen Objekten (Abb. 4) wie etwa bürgerlich hergerichteten, weiblichen Anatomiemodellen nachweisen lässt. Die Niagarafälle stellen einen besonders wichtigen Bezugspunkt für
Zoe Leonard dar, sind sie doch die berühmteste Touristenattraktion Nordamerikas und Katalysator US-amerikanischen Naturerlebnisses (Abb. 1).
In der seit 1998 entstandenen Serie Analogue, die bereits in Teilen auf der documenta 12 (2007) zu sehen war, widmet sich die
Künstlerin der Veränderung ihrer Nachbarschaft in Brooklyn. Ihre über vierhundert
Bilder von kleinen Läden und billiger Kleidung beschwören die Macht des
Fotos als „Ort des Gedächtnisses“ über Veränderung und Zerstörung hinaus. Doch auch ihre
Fotos selbst sind bereits „Datenträger“ bedrohter Natur. An der Schwelle zum digitalen Zeitalter (das Sterben von Herstellern analoger Technologien ist m.E. bereits ein Beleg für das Überschreiten dieser Grenze) arbeitet
Zoe Leonard mit einer alten Rolleiflex und entwickelt ihre
Filme selbst, lässt den schwarzen Rahmen stehen, beschneidet und retuschiert nicht und experimentiert mit verschiedenen Ausarbeitungen des
Filmmaterials. Die Grobkörnigkeit ihrer
Fotos wird zu einer formalen Entscheidung gegen das Hochglanzfoto und zugunsten von Atmosphäre und
Künstlichkeit. Die Bedeutung von
Zoe Leonard als
Fotografin liegt daher in ihrer wachen Beobachtungsgabe und ihrem Bewusstsein für Zeit und Veränderung. In formal überzeugenden
Fotos verbinden sich der Anspruch an Verewigung der
Autorin (ihrem schöpferischen Blick und ihrer Skepsis) und des Dargestellten. Sie konstruiert einen Raum für das „kulturelle Gedächtnis“, der durch die globale Marktwirtschaft nicht nur ein New Yorker Einzelphänomen darstellt, sondern uns alle betrifft.
Leonard entlarvt museale Präsentationen wie Modeschauen als Erzeuger von Werten und Konventionen und nutzt ihren individuellen Blick und ihre Kritikfähigkeit, um Unsichtbares sichtbar zu machen. Sie ist sich dabei der Rolle des
Bildes in Kommunikation und Repräsentation immer völlig bewusst.
Biographie
*1961 in Liberty New York (USA)
Autodidaktin
Seit 1990 auf internationalen Ausstellungen präsent
Lebt und arbeitet in New York
Abbildungen:
Abb. 1: Zoe Leonard, Image from Analogue, 1998-2009, 412 C-prints + Silbergelatine-Abzug, 28 x 28 cm (11 x 11 in), Courtesy die Künstlerin und Galerie Gisela Capitain, Köln © Zoe Leonard.
Abb. 2: Zoe Leonard, Niagara Falls no. 4, 1986/1991, Silbergelatine-Abzug, 95.9 x 65 cm (37 x 25 5/8 in.), Courtesy die Künstlerin und Galerie Gisela Capitain, Köln © Zoe Leonard.
Abb. 3: Zoe Leonard, Frontal View, Geoffrey Beene Fashion Show, 1990, Silbergelatine-Abzug, 124.1 x 96.8 cm, Courtesy die Künstlerin und Galerie Gisela Capitain, Köln © Zoe Leonard.
Abb. 4: Zoe Leonard, Anatomical Model of a Woman’s Head Crying, 1993, Silbergelatine-Abzug, 42.8 x 30.2 cm, Courtesy die Künstlerin und Galerie Gisela Capitain, Köln © Zoe Leonard.
Abb. 5: Zoe Leonard, Tree + Fence, Out of my Window, 1998, Silbergelatine-Abzug, 47,4 x 34,1 cm, Courtesy die Künstlerin und Galerie Gisela Capitain, Köln © Zoe Leonard.
Abb. 6: Zoe Leonard, MUMOK Ausstellungsansicht: Zoe Leonard – Photographs, 4.12.2009-21.2.2010, Foto: MUMOK © MUMOK.
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