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The Sacred made Real
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Geschrieben: von Mag. Alexandra Matzner
London, National Gallery, The Sacred made Real

Sainsbury Wing

Bis 24.1.2010

Die Londoner National Gallery zeigt noch bis zum 24. Jänner 2010 die Ausstellung „The Sacred made Real" . Spanish Painting and Sculpture 1600-1700“. Der Titel lässt sich etwas holprig mit „Die Verwirklichung des Heiligen“ übersetzen und bezieht sich auf ein äußerst spannendes Phänomen der spanischen Barockkunst: die außerordentliche Nähe von Malerei und Skulptur im Dienste der visionären Darstellung katholischer Glaubensinhalte. 16 Gemälde und 16 Skulpturen des Siglo de Oro, des Goldenden Jahrhunderts, bestücken diese in mystisches Dunkel getauchte Schau und treten in einen intermedialen Dialog. Der Hyperrealismus der Skulpturen findet sich auch in der Malerei – beide vereinen sich zu einem „Theater“ des Heiligen.

Die Ausstellung eröffnet mit einem Porträt von Juan Martínez Montañés (Abb. 1), der 1635 von König Philipp IV. nach Madrid gerufen wurde, um ein Bildnis des Königs aus Ton herzustellen. Diego Velázquez zeigt den Bildhauer in repräsentativer Pose und doch als Künstler bei der Arbeit. Das unvollendete Porträt des Königs, an dem Montañés gerade mit einem Modellierholz arbeitet, wird nur durch einige Striche angedeutet und bleibt als Leerstelle offen.

Warum Montañés nicht nur vom spanischen Hof geschätzt wurde, zeigen die in der Ausstellung zusammengetragenen polychromen (d.h. bemalten) Skulpturen wie „Christus am Kreuz“ (Abb. 2) oder die Figur des „Hl. Franziskus Borgia“ (Abb. 3). Sie wirken wie verlebendigt. Um diesen Effekt erzielen zu können, arbeitete der Bildhauer eng mit dem Maler Francisco Pacheco zusammen, der für die Bemalung von Kopf und Händen zuständig war. Denn nur diese Elemente sind geschnitzt, der schwarze Habit ist echt und wie bei einer Puppe über die Gliedmaßen gezogen. Die Verbindung von Bildhauern und Malern (zu ergänzen wären noch die meist weiblichen Kostümbildner) ist eine sehr enge: Francisco Pacheco war Lehrer und Schwiegervater von Diego Velázquez in Sevilla, Hofmaler und Kunsttheoretiker.

Die Hauptthese der Ausstellung ist, dass die spanische, religiöse Malerei ihre hyperrealistische Ausprägung in direktem Dialog, komplexer Verbundenheit und gegenseitiger Abhängigkeit mit der Skulptur entwickelt hätte. Die „Kreuzigung“ von Francisco de Zurbarán (Abb. 4) scheint im Vergleich mit Montañés polychromer Holzskulptur diese Annahme zu stützen. Zurbarán ist ein ausgesprochener Meister der Licht-Schatten-Modellierung. Seine Figur wirkt nicht einfach vor dem schwarzen Grund gesetzt. Er berücksichtigt den ortsspezifischen Lichteinfall, hüllt den Körper in ein atmosphärisches Dunkel und arbeitet das weiß aufglänzende Tuch mit vielen Falten dreidimensional heraus. Ist eine solche Lösung wirklich nicht ohne ein skulpturales „Vorbild“ denkbar? Oder steckt hinter dem Interesse an der realistischen Wiedergabe in beiden Medien eine gemeinsame Idee? Antwort auf diese Frage bietet weniger die Ausstellung als der Katalog.

Für die Auftraggeber der spanischen Kirchen und Klöster war der sinnliche Effekt, das realistische Nachempfinden der heiligen Männer und Frauen bzw. des Heilsgeschehens von großer Bedeutung. Das Interesse der Künstler lag daher in der Steigerung der Ausdruckskraft. Vor allem die Bildhauerarbeiten erwecken bis heute den Eindruck eines heiligen Theaters, von Akteuren der Heilsgeschichte in größter Not. Der Betrachter soll dadurch nicht nur direkt angesprochen sondern ergriffen, ja geschockt werden. Dass dieses Konzept bis heute funktioniert, zeigt ein Blick auf Gregorio FernándezToten Christus“ (Abb. 5). Der Leichnam wird derart realistisch wiedergegeben und gleichzeitig überzeichnet, und der Effekt ist so kalkuliert eingesetzt (Korkeichenrinde als geronnenes Blut, Stierhorn für die Fingernägel), dass die dadurch hervorgerufenen Gefühle überwältigend sind. Der französische Dichter Yves Bonnefoy hat deshalb sehr einfühlsam über das Barock geschrieben, dass die Illusion das Sein erst hervorbringen würde. Spanische Auftraggeber und Künstler sind, so lässt sich durch diese Ausstellung zusammenfassen, in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts an der Schaffung von Anwesenheit durch Simulakra (Bild, Abbild, Traumbild) interessiert. Der Gläubige musste sie dadurch nicht mehr durch visionäre Schau in seinem Inneren erzeugen, sondern fand sie bereits „real“ im Kirchenraum vor. Francisco Pacheco formulierte diese Idee in seiner Schrift Arte de la pintura (1649) so: „Das Ziel eines christlichen Gemäldes ist es, die Menschen davon zu überzeugen gläubig zu sein, und sie zu Gott zu erheben.“ 1



Abbildungen:

Abb. 1:

Diego Velázquez (1599–1660): Porträt von Juan Martínez Montañés, 1635-36 © Museo Nacional del Prado, Madrid

Abb. 2:

Juan Martínez Montañés (1568–1649): Kreuzigung, 1617 © Photo The National Gallery, London. Courtesy of Iglesia Conventual del Santo Ángel, Carmelitas Descalzos, Sevilla

Abb. 3:

Juan Martínez Montañés (1568–1649), Hl. Franziskus Borgia, 1624. Iglesia de la Asunción,

Seville © Photo Imagen M.A.S. Courtesy of Universidad de Sevilla

Abb. 4:

Francisco de Zurbarán (1598–1664): Die Kreuzigung, 1627 © The Art Institute of Chicago. Robert A. Waller Memorial Fund (1954.15)

Abb. 5:

Gregorio Fernández (about 1576–1636): Toter Christus, 1625–30 © Photo Imagen M.A.S.

Courtesy of Museo Nacional del Prado, Madrid. On long loan to the Museo Nacional Colegio

de San Gregorio, Valladolid
© kunstforum.com




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